Entwicklung der Freiämter Strohkunst

Vom Strohhut zum Strohschnüerli
Die Fertigkeit des Strohflechtens ist ein uraltes und weltweit betriebenes Kulturgut. Im Freiamt ist zu Beginn des 17. Jahrhunderts (Jh.) der Beruf des „Schinhüetlers“ zum ersten Mal aktenkundig. Der durch hohe Bodenzinsbelastung verarmte Bauernstand musste neben der Landwirtschaft einem Zusatzverdienst nachgehen. Zinsbücher der Klöster belegen, dass die Steuern zum Teil in Form von Schinhüten beglichen wurden. Der Schinhut war ein grosser, runder, relativ flacher Sommerhut. Der gegen Ende des 17. Jh. ermöglichte freie Handel mit der Stadt Zürich führte zur zunehmenden Verdrängung der Baumwoll- und Seidenzwirnerei durch die einträglicherere Strohflechterei. Es wurde Roggenstroh in ganzen Halmen verarbeitet, Produktion und Handel fanden anfänglich im Familienverband statt. Ende des 18. Jh. kam es erstmals zum Zusammenschluss von acht Geflechthändlern aus Wohlen, der aber nicht lange vorhielt. Der Handel erstreckte sich damals bis in den Schwarzwald, das Breisgau und das Schwabenland. Das Arbeiten mit verschieden breiten Strohstreifen, durch selbst angefertigte Halmenspalter gewonnen, ist belegt.

Am 19.10.1798 trat die Neue Verfassung der Helvetischen Republik in Kraft, die auch die Handelsfreiheit garantierte. Doch die Kriege beeinträchtigten die Handelswege. Zudem herrschte ein Mangel an Rohmaterialien. Aber dank der Reisen der Händler kamen neue Muster nach Wohlen (z.B. 7 halmiges Geflecht). Initial erleichterte die 1806 durch Napoleon erlassene Kontinentalsperre die Eroberung der Märkte auf dem Festland. Doch nach der Aufhebung der Handelssperre, 1826, kam es zu einem Preiszerfall. England, Belgien und vor allem Italien lieferten die schönsten Geflechte. Das traditionelle Flechten verlor an Wert. Zudem stiegen die Zölle für den Export nach Frankreich und England. In Russland herrschte sogar ein Importverbot. So kam es zur Spezialisierung: Die Hutgeflechte wurden im Ausland (vor allem Italien) billig eingekauft und mit den Hutgarnituren, die im Freiamt hergestellt wurden und besser bezahlt waren, geschmückt. Neu erfundene Arbeitstechniken und das Bewahren des Familien internen Fabrikationsgeheimnisses machten ein Kopieren unmöglich und garantierten höhere Preise. Circa 1840 wurde das Strohschnüerli erfunden. Ab 1840 zirkulierten Modezeitschriften, die zusätzlich Ideen für Muster lieferten. Später wurde ein Portraitmaler zur Ideenkreation angestellt (A. Eicher).

Bändelifabrikation
1862 wurden die Wohler Händler während einer Ausstellung in London auf Bändel aufmerksam, zu deren Herstellung Baumwollfäden mit Gelatine zusammengeleimt wurden. Ihr Ursprung war im Elsass. Die Qualität zum Verflechten zu Hutgarnituren war aber zu gering, sodass eine eigene Maschine entwickelt werden musste. Fabriken zur Bändeliherstellung, sog. Bändelihäuser, wurden vor allem im Seetal gebaut. Ebenfalls ab Mitte des 19. Jh. wurden Rosshaargeflechte erst auf Handwebstühlen, später mechanisch in Fabriken hergestellt. Das erste Geflecht stammte aus Kriens, deshalb der Name „Krienser Geflechte“. Das Rosshaar kam aus Argentinien oder Russland und wurde zu „Litzen“ verarbeitet. Das waren Bänder mit einfacher Musterung, die anschliessend bestickt wurden. Aus dem Ausland drängten neue Rohstoffe auf den Markt. Aus China und Japan kamen Ramie, das ist die chinesische Schneenessel, Papierpanama und Tussahseide. Letztere wurde zu Strohpatent verarbeitet (Geflecht mit Seidenzettel und Schuss aus Strohstreifen). Aus den Philippinen kam der Manilahanf, der zum Hanfpatent verarbeitet wurde (Seidenzettel, Hanfschuss). Gegen Ende des 19. Jh. war ein zunehmend rascherer saisonaler Wechsel an fantasievollen Geflechten für die Hutfabrikation und den Aufputz durch die originelle Verwendung wechselnder Rohstoffe je nach der Mode zu registrieren. Die Freiämter Strohindustrie befand sich auf dem Höhepunkt. Die Geflechte waren besonders in der Haute Couture in Paris bekannt, sodass der Begriff Klein-Paris für die Stadt Wohlen geprägt wurde. Doch schon bald wurden die Strohgeflechte spottbillig, die Qualität der zunehmend über London und Hamburg importierten, asiatischen Ware war gut und bedrängte alle europäischen Geflechtproduzenten. Das Strohflechten wurde zur kunstgewerblichen Freizeitbeschäftigung. Die früheren Produzenten mussten ihre Produktion mechanisieren oder sich auf den reinen Handel oder das Veredeln (Bleichen) beschränken.

Halbsynthetische Materialien
Am Anfang des 20. Jh. begann man aus Cellulose künstliches Rosshaar, sog. Crinol oder Star, und Viscabänder herzustellen. Um den Glanz auf das Produkt zu bringen, musste es mit Stroharbeiten kombiniert werden. Ab 1921 kam Pedaline auf den Markt. Das entstand aus Hanffasern, die mit Cellophan umwickelt wurden. Die Faser wurde damit endlos und hatte einen eigenen Glanz auch in den bevorzugten dunklen Farben. Später entwickelte sich Neorasplit, das waren beidseits mit Cellophan kaschierte Ramiebänder, die in Streifen geschnitten, weiter verflochten wurden.

Ende der Strohindustrie
Mit der maschinellen Produktion war der Niedergang nur kurzfristig zu stoppen. Es kamen erst die Weltwirtschaftskrise, dann der 2.Weltkrieg, der einen fast vollständigen Exportstopp mit sich brachte. In der Nachkriegszeit fand das Huttragen ein Ende. Die Fabrikanten verlegten ihre Produktion auf Gummi-, Schuh- und Zierbänder, stellten Geflechte für den technischen Gebrauch oder Verpackungsmaterial her.

Heute findet die Freiämter Technik des Strohflechtens bei einigen wenigen Personen Anklang, die die manuelle Herausforderung suchen und den Umgang mit einem natürlichen, glanzvollen Material schätzen.

Quelle:
D. Kuhn, A, Wohler, M. Hohl, B. Littmann: Strohzeiten, Geschichte und Geschichten der aargauischen Strohindustrie. AT Verlag 1991