Geschichtliches zum Ñandutí

Die Herleitung des Namens wie die Herkunft der Spitze basieren auf Hinweisen von Schriften aus der Kolonialzeit, die sich mehr mit den heroischen Taten der Männer als mit den Beschäftigungen der Frauen auseinandersetzen und in Bezug auf die Spitze höchstens in allgemeiner Form sprechen. Chronisten beschreiben, was von zu Hause unterschiedlich ist und was sie nicht kennen.

Ñandutí relevante Daten aus der Geschichte
1536 wurde Buenos Aires zum ersten Mal gegründet. Die Ansiedlung wurde jedoch von feindlichen Stämmen in der Umgebung ausgehungert. 1537 Gründung von Asunción. Mit den spanischen Kolonialisten war auch eine Gruppe aus den Kanarischen Inseln dabei. Die die Conquistadores begleitenden Mönche (Dominikaner, Franziskaner) führten jeweils weibliche Familienangehörige zur Haushaltsführung mit. In der Umgebung und in Asunción selber wurden "pueblos de indios" gegründet, zum Beispiel in Yaguarón (1536), Tobatí (1538) und Guarambaré (1538). 1537 ein königliches Luxusgesetz untersagt auch in den Kolonien jeglichen Schmuck oder Verzierungen auf Kleidern zu tragen. 1550 Dekret von Carlos I., das Umsiedlungen nur noch auf Geheiss des Königs möglich macht. 1573 Gründung von Santa Fe (heute Arg.) 2 Jahre später ist hier bereits eine textile "Industrie" belegt (tejidos, hilados, bordados). 1588 Gründung von Corrientes (heute Arg). Die Frauen kamen aus Asunción, bis vor kurzem wurden in Corrientes und Santa Fe Ñandutí Spitzen unter diesem Namen hergestellt. Ab 1580, der zweiten Gründung von Buenos Aires (BA), geriet Asunción durch fehlenden Zugang zum Meer und abnehmendem Interesse der Spanischen Krone mehr und mehr in die Isolation. Durch Krieg und die wirtschaftlichen Bedingungen, die BA diktierte, verschloss sich Paraguay anderen Einflüssen.

1608 - 1767 missionarische Tätigkeit der Jesuiten mit Aufbau der Reducciones, bis zu ihrer Verhaftung und Ausweisung.

1725 Gründung von Carapeguá und 1728 von Itauguá durch Martín de Borúa.
1760 Dekret von Carlos III das den freien Warenverkehr ermöglichte ("Globalisierung")

Diktator Fancía (1811-1840) riegelte das Land vollständig ab. Es waren keine Importe mehr möglich, dadurch wurde die Entwicklung der eigenen Industrie und Landwirtschaft vorangetrieben und die Herstellung der Spitzen konserviert. Die reicheren Einwohner flüchteten von Asunción weg nach Itauguá und Guarambaré. 1870 Guerra grande gegen Brasilien, Argentinien, Uruguay. Verwüstung von Paraguay, Reduktion der Bevölkerung auf 1/5 (200'000, vor allem Kinder und Frauen), die Spitzenherstellung sicherte das Überleben. Nun entstanden die wertvollsten Stücke.

Dies bedeutet, dass der spanische Einfluss der Conquista sich auf das 16. Jahrhundert beschränkte. Auch die Einwanderung war später zahlenmässig gering.

Entwicklung der Spitze in Spanien:
Im 15. Jahrhundert taucht erstmals der Name "encaje" auf. Er bezieht sich auf das verbindende Gewebe zwischen zwei gewobenen Stoffstreifen "encajada". Im Spanien des 16. Jh. kannte man die Guipure Stickerei. Posamentierarbeiten, vor allem das Klöppeln, waren bekannt und Ornamente, die unabhängig vom Stoff am Rand angenäht wurden. Sie hiessen "randa" , der Name stammt aus dem Sächsischen.

Die encaje a la aguja umfasste
- la red: Netze, die mit Knüpfen der Fäden entstanden, zB Haarnetze
- punto cortado: nur vereinzelte Fäden wurden stehen gelassen, die anderen herausgeschnitten.
- deshilado oder fil tiré: die Fäden (meist des Schusses) wurden herausgezogen, zum Teil neue gespannt und zu Mustern zusammengewoben.

Ab dem 16. Jh. entstanden die Soles und Ruedas in León, Extremadura und Katalonien. Die Technik war bis im 18. Jh. etabliert.

Soles salamantinos: dicker Faden, in Kreisen sich wiederholende Muster, Zentrum kegelförmig erhoben. Ruedas del Casar: deshilado des Schusses, zum Teil auch des Zettels. Bevor die Fäden gezogen wurden, wurde der Bereich, in dem gearbeitet werden sollte, mit Stichen umfasst und gesichert. Puntos de Cataluña: Schussfäden ziehen, Rand begrenzen, neue Fäden in der Diagonalen beginnend spannen, dann die Fäden des Zettels entsprechend ersetzen, dh es wird ein radiäres Gerüst gelegt und danach vom Zentrum aus rund gearbeitet. Die Ränder der einzelnen ruedas verbinden sich mit denen der anderen Muster. Soles canarios: enge Streifen, die auf Stoff aufgenäht wurden, Technik verschwunden. Rosetas de Tenerife: auf Kissen gearbeitet, das Raster wird durch feine Nägel gebildet, über welche die Fäden aufgespannt werden. Im 14. - 15. Jh. aufgekommen, Tradition bis heute erhalten.

Herleitung des Namens:
el ñandutí heisst: el blanco (tí) de la araña (ñandu), also das Weiss der Spinne

eigentlich heisst Spinnennetz im Guaraní ñandurenimbo, warum also blanco?

1763 wurde die Zucht und Seidengewinnung mit Eiern des Seidenspinners in Südamerika gestartet. In BA, Montevideo und Cordoba gelang dies, nicht jedoch in Paraguay, da keine geeignete Futterpflanze existierte. Im Chaco war zur gleichen Zeit ein Spinnenfaden der Art Aranea Latro Linn kommerziell erhältlich und aus den Fäden der Araña Didema wurden Strümpfe für Carlos III (1759 - 88) und Napoleon (1804 - 15) gestrickt. Man erzählte sich, dass ein weiterer Spinnenfaden zur Mittagszeit in den Baumwipfeln gewonnen wurde, mit Speichel geschmeidig gehalten wurde, und daraus Gewebe hergestellt werden konnte, das dann in Asuncion verkauft wurde. Dieses Gewebe durfte nie mit Wasser in Kontakt kommen, da es sonst zerstört worden wäre. Während der Gewinnung und Verarbeitung gab es von diesem Faden nie irgendwelche Beschwerden in Augen, der Nase oder auf der Haut.

1890 wurde in Madagaskar eine geklöppelte Spitze aus Spinnenseide mit den gleichen Eigenschaften registriert)

Schlussfolgerung: Der Name bezieht sich mehr auf den Faden als auf das Endprodukt.

Wann / wie kam die Spitze nach Paraguay
1760 ist belegt, dass in den Reducciones Frauen im Rahmen woben, nicht in einem Webstuhl wie die Männer. Sie machten auch "encaje de Flandes", dh Klöppelspitze. Jedoch ist keine "encaje a la aguja", also Nadelspitze, belegt. 1760 machten aber in Asunción und der Umgebung die Spanierinnen cribos, soles und ruedas wie in ihrem Heimatland, die leichtestens von den Indígenas kopiert wurden. Im 18. Jh. war die Spitze in Spanien etabliert. Besonders in Andalusien wurde eine vereinfachte Venezianische Spitze hergestellt. Sevilla erhebt den Anspruch Ursprung der Spitze zu sein, wie sie auf den Kanaren und in Übersee betrieben wird/wurde. Soles sind in Mexico, Puertorico und auf den Kanaren geläufig.

In Argentinien und Montevideo wurde encaje auf kleinen Kissen gefertigt, in Paraguay jedoch nie (soweit bekannt).

Angleichung an die Kultur
Ab Ende des 16. Jh. kam es in Paraguay auf Grund der Isolation zu einer "Guaranisation". Es gab immer zu wenig weisse Frauen. Aus politischer und physiologischer Notwenigkeit setzte eine Vermischung der Rassen ein. Dies wurde erleichtert, da die Kinder aus einer Verbindung eines weissen Vaters mit einer Indígena als Spanier galten. Die Nachkommen übernahmen jedoch die Sprache und die Gewohnheiten der Mutter. Doch tradiert wurde die Spitzenherstellung von der Mutter (Weisse) auf die Tochter. Doch die Guaraní sind handwerklich geschickt und kopieren jede Vorlage mit Perfektion. Im 18. Jh. wurden die Handwerksarbeiten zunehmend zur Arbeit der armen Leute, damit verloren die Stücke an Wert und fielen nicht mehr unter das Luxusgesetz. Die Muster mussten einen "Sinn" ergeben. Sie wurden umgetauft, angepasst oder neu erfunden. Motive aus dem ländlichen Umfeld flossen ein. Die Arbeit löste sich vom deshilado. Die Herstellung "in der Luft", analog der Fäden der Spinne für das Netz, war der Entwicklungsschritt. Ende des 18. Jh. wird der Name Ñandutí geläufig. Mit der Herstellung "in der Luft" wurde das Ñandutí zur eigentlichen Spitze. Es gab eine nationale Identifikation, die ironischer weise zur Langlebigkeit dieser spanischen Spitze führte.

Entwicklung der Spitze
Seit Beginn des 19. Jh. weist ein Ñandutí folgende Charakteristika auf: - Kreisförmige Muster, die nicht von einem Quadrat eingeschlossen werden, - das Muster beginnt mit einer gewissen Distanz zum Zentrum - die Fläche zwischen den Kreisen wird mit kleineren Motiven, die auch ein Zentrum haben aufgefüllt, - Abschluss des Ñandutí mit Halbkreisen Ab 1870 wurde die Fläche zwischen den Kreisen mit Arasa poty oder arasape ausgefüllt, dieses Muster leitet sich aus dem Deshilado ab. Ähnliche Gewebemuster findet man auch in Mexico und in Deshilados von Spanien. Damit wurde das Gesamtbild aufgelockert. Die Kreise kleben nicht mehr zusammen, es entstehen Zonen von Licht und Schatten.

Bis 1930 gab es zwei verschiedene Techniken, um den Zettel aufzuspannen: Auf Stoff, oder in einem Rahmen, in dem Fäden als Raster und Haltevorrichtung gespannt wurden. Letzteres wurde nur in Espartillar gemacht und ist heute verschwunden.

Alle Gebiete, in denen Ñandutí hergestellt werden, liegen im Osten von Asunción, aus verkehrstechnischen Gründen. Untereinander hatten diese Gebiete jedoch kaum Austausch, sodass sich die regionalen Varianten halten konnten. Heutzutage kann man vier verschiedene Typen unterscheiden: Itauguá, Pirayú, Guarambaré und Carapeguá. Sie entstanden durch die unterschiedliche Herkunft der eingewanderten Frauen oder durch die unterschiedliche Entwicklung in den einzelnen Orten. Die Unterschiede verwischen sich jedoch Zusehens durch bessere Verkehrsbedingungen und Kommunikation.

Quelle
Sanjurjo, Annick. Ñandutí, encaje paraguayo. Asunción: Editorial Arandurã, 2008.